Die Insel des Lärms…die sich den Wolf mähen

Reinhard Mey: „Irgendein Depp mäht irgendwo immer….“

Holtgast ist ein kleiner Ort im Landkreis Wittmund im Ostfriesischen mit ca. 1800 Einwohnern, ohne ausgeprägtes Ortszentrum, einige Bauernhöfe, sonst überwiegend ein Wohn- und Schlafdorf mit Siedlungen. Holtgast wirbt mit dem Slogan „Ferienort an der ostfriesischen Nordseeküste“, die aber noch 4 Kilometer entfernt ist. Man wohnt in Holtgast überwiegend in Einfamilienhäusern mit mehr oder weniger großen Gärten. Und die sind gepflegt, sehr gepflegt bis überpflegt, ostfriesisch akkurat eben. Standard: kurze Rasen, Tujahecken und Blumen, die der Baumarkt anbietet. Kein Raum für Wildwuchs, auch Gänseblümchen und Löwenzahn haben in den Gärten kaum eine Chance…Gartenschönheit ist aber Ansichtssache und liegt im Auge des Betrachters, sie hat ihren Preis. Rasen und Hecken wollen kurzgehalten werden, und dazu braucht man eben Maschinen. Noch häufiger werden die Maschinen benutzt, wenn man seinen Rasen auch noch -völlig überflüssigerweise-  teuer zusätzlich düngt. Der hohe Stickstoffanteil aus der industriellen Landwirtschaft, der über den „Luftpfad“ auch in die Hausgärten gelangt, düngt heute schon jeden Rasen mit, ob man das will oder nicht.

Wettrüsten im Garten

Das Wettrüsten mit immer größeren und lauteren Aggregaten ist in vollem Gange. Und die laufen vom späten Winter übers Frühjahr, den Sommer und bis in den Herbst hinein fast jeden Tag, für den guten nachbarlichen Eindruck. Der Lärmpegel in bestimmten Bereichen Holtgasts, nur wenige Schritte vom Hause des Bürgermeisters entfernt, ist gewaltig. Stille Nachmittage im Garten bei schönem Wetter sind die Ausnahme, Vogelgesang oder Insektensummen gehen im ständigen Maschinengedröhn unter. Moderne Aufsitzmäher wummern wie das Triebwerk eines Kleinflugzeuges, bei einigen Rasenmähern fragt man sich, ob der Auspuff abgerostet ist. Fangen mehrere Nachbarn gleichzeitig mit ihren Mähern an, wähnt man sich auf einem Militärflugplatz. Oder: Wenn Nachbar A endlich mit dem Lärmterror aufhört, startet Nachbar B seine Maschine; entnervt bleibt da nur das Innere das Hauses, das aber auch vor dem enormen Schalldruck dieser Pflege-Höllenmaschinen keinen ruhigen Zufluchtsort mehr bietet. Und wie zum Hohn: Die Aufsitzmäherpiloten tragen oft einen Gehörschutz. Der Samstagnachmittag ist die Zeit des Höhepunktes des Lärmterrors, an dem sogar Rentner, die die ganze Woche über Zeit gehabt hätten, mit in den Chor der dröhnenden Gartenmaschinenkakophonie einstimmen. Familienfeiern oder Gartenfeste sollte man hier nie an Samstagnachmittagen planen, sie könnten zum gesprächshemmenden Lärmfiasko führen.

Das Rechtliche

Und die Mittags- und Abenruhe, die häufig nicht eingehalten wird? Ja, die ist geregelt, in § 7 der „Gefahrenabwehrverordnung“ der Samtgemeinde Esens, zu der Holtgast gehört. Von 12:30 bis 14:30 Uhr sollte Ruhe sein im Ort, und dann wieder ab 19.00 Uhr. Daran halten sich durchaus die meisten rücksichtsvolleren Zeitgenossen, aber eben nicht alle. Und um die geht es hier. Bemerkenswert also, mit welcher teuren und nervenden Inbrunst undvor allem Rücksichtslosigkeit kurzes Gras noch kürzer gehalten wird, rund um die Uhr.

Die 32. Bundesimmissionsschutzverordung, die den Maschinenlärm regelt und eindeutig die Inbetriebnahme von Rasenmähern von 20:00 bis 07:00 Uhr verbietet, ist nur bedrucktes Papier, es kommt vor dass bis in die sommerliche Dämmerung irgendwo ein Rasenmäher dröhnt. Die sehr lauten Freischneider oder Laubbläser ohne EU-rechtliches Umweltzeichen (Art. 8 Verordnung -EG- Nr. 1980/2000d des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juli 2000) dürfen laut Bundesimmissionsschutzverordnung  erst ab 09:00 Uhr und nicht zwischen 13:00 und 15:00 betrieben werden, schon um 17:00 Uhr ist dann Schluss mit den lauten Maschinen, eigentlich. Aber wer kennt diese Feinheiten schon, die waren noch nicht einmal dem Bürgermeister und der in der Samtgemeinde in Esens bekannt.

Die benzinsparende Alternative wäre die Betonierung der Gärten mit einem satten grünen Anstrich oder die Verlegung von Kunstrasen; das ist wirklich pflegeleicht und schont zudem die Ohren und die Nerven. Ich plädiere ernsthaft für einen Gartengeräte-TÜV, der auf die ordentliche Wartung und die Dezibelwerte achtet und zu laute Gartengeräte umgehend aus dem Verkehr zieht.

Maschinensammler

Es gibt Gartenbesitzer, die sammeln laute Gartengeräte, und setzen sie auch entsprechend häufig ein. Zum Mäher kommt dann die motorbetriebene Heckenschere, mit der auch mehrmals im Jahr die ohnehin kurze Hecke nachgetrimmt wird, oder die Motorsense kreischt auf Flächen, auf denen kaum noch etwas wächst, bis die staubige Erde spritzt. Die Motorsäge, für die man eigentlich einen Waffenschein beantragen müsste, dröhnt stundenlang durchs Dorf. Hat man einen Einachser zur Gartenpflege, wird auch dieser häufig angeworfen, schwarze Erde wird in häufiger Folge so lange bearbeitet, bis sie tot und feinstkrümelig den Elementen ausgesetzt ist, schwarze Wüste.

Im Herbst wird das Lärmszenario noch zusätzlich mit heulenden Laubsaugern garniert, und erst im Winter wird es etwas ruhiger im Dorf. Im Winter, so könnte man meinen, halten auch die Gartenmaschinen Winterschlaf, von wegen. Hier wurden schon im Januar bei Frost und Schnee mit Getöse und Motorenlärm eine Hecke geschoren, die eigentlich noch gar nicht wächst, oder, ungelogen, bei Minustemperaturen und scharfem Ostwind der Rasentrecker angeworfen und „gemäht“, fragt sich nur was. Motorsägen haben gerade im späten Winter Saison, wenn hier und da noch Äste oder Büsche weichen müssen, fürs Osterfeuer.

Frieden in der Nachbarschaft dahin

Ostfriesen sind überwiegend ruhige Menschen, die Konflikten lieber aus dem Wege gehen, „nützt ja nichts“ heißt der Standardspruch, um bloß keinen Ärger mit dem Nachbarn zu provozieren. Spricht man aber diese wenigen rücksichtslosen Zeitgenossen an, wird das oft sofort missverstanden und als Aggression gewertet; der nachbarschaftliche Frieden ist so schnell dahin, die Angesprochenen machen weiter wie bisher, mit trotzigem „nun erst recht“ oder (wörtlich!)° „jetzt wird es erst richtig laut“.

Ein Nachbar, der häufig unverdrossen genau in der Mittagszeit oder bis spät in den Abend hinein mit seinem Aufsitzmäher bei unglaublicher Lärmentwicklung seinen Rasen „pflegte“, reagierte höchst befremdlich auf die freundliche Bitte, doch die Ruhezeiten einzuhalten: Hinter seiner Hecke kreischten wenig später plötzlich zwei auf dem Boden abgelegte Kettensägen, die er hockend abwechselnd laut aufheulen ließ, eine offensichtlich schikanöse Beschallung, aber in Stereoqualität. Darauf angesprochen, ob er noch ganz gesund sei, sprang er auf, fuchtelte mit den Armen und brüllte: „Die müssen jetzt laufen, stundenlang, wegen der Benzinmischung“. Auf die Frage, ob man das fotografieren dürfe, verschwand er samt seinen Sägen wortlos im Haus. Waren die Auslöser die Abgase der kleinbürgerlichen Siedlungshölle? Selbiger dauerignoranter Nachbar bringt es fertig, ein überschaubares Rasenstück mit seinem enorm lauten Aufsitzmäher mehrfach (!) während fast vier Stunden unter Dauerbeschallung der Nachbarschaft zu traktieren, zu anderen Zeiten schafft er die selbe Fläche in nur einer Stunde. Ob er damit auch die Regenwürmer aus dem Rasen saugen will, ist nicht bekannt. Anschließend läuft sein Spielzeug dann auch noch unbemannt und unbenutzt hinter einer Hecke im Leerlauf weiter. Kurz vor 19.00 Uhr fährt er noch ein paar Runden über das bereits gemähte Gras, das damit auch nicht kürzer wird. Im Internet wirbt er mit einer Ferienwohung, die sich vorgeblich „in idyllisch ruhiger Dorflage“ befinden soll.

Normal ist das alles nicht….Es bleibt die schlichte Erkenntnis, dass man unsensiblen, rücksichtslosen und fast schon asozialen Verhaltensweisen mit Vernunft und sozialer Argumentation nicht beikommen kann.

„Gartennazis“ und „Deppen“

Der Liedermacher Reinhard Mey nannte seine laut röhrenden und nervenden Gartennachbarn auf Sylt einmal „Gartennazis“, er bediente sich mit diesem  Begriff beim Kabarettisten Georg Ringsgwandl, der dies geschrieben hatte:

[…]“Scharf rechts hinterm Mond, / wo der Gartennazi wohnt, / nicht mehr Stadt und noch nicht Land, / wo der Gartennazi wohnt. / Der ständig rumschleicht, spioniert, / die andren alle drangsaliert, / er gehört zu dieser Art von Leut‘, / die mit der Nagelscher‘ den Rasen schneid’t.“[…]  

Da kommt doch Verständnis auf!

Meys eigener Kultsong handelt von solchen lärmenden Zeitgenossen, hier zu hören:

Wenn der Sommer kommt, hilft nur die Flucht ins Zimmer.
Irgendein Depp mäht irgendwo immer.
Ein Rasenmäher-Rambo mäht wie von Sinnen
direkt durch die Wand, den hörst du auch noch drinnen. […]

Ohrstöpsel

Ein ruhiger Nachbar ein paar Häuser weiter, die die Faxen mit dem häufigen Lärm in der Mittagszeit jenseits der Hecke endlich dicke hatte, rief auch schon mal die Polizei, und die kam auch und sofort war dort  Ruhe, nachhhaltig und kostenpflichtig.

Wer also in bestimmten Bereichen Holtgasts seinen Urlaub verbringen möchte, sei gewarnt, Ohrstöpsel sollten im Gepäck nicht fehlen. Für einen „Ferienort“ ist diese Lärmkulisse nicht akzeptabel, daran müssten die gewählten Gemeindevertreter arbeiten. Der viel zitierte „Handlungsbedarf“ ist da, vielleicht mit einer Ausschreibung: „Unser Dorf soll leiser werden“? Man sollte zum Nachtmenschen werden, dann ist (meistens) himmlische Ruhe im Dorf. Einigen Bauern oder Lohnunternehmern machen aber auch die Nacht zum Tage: Nächtens bei völliger Dunkelheit im Scheinwerferlicht sind sie es, die mit ihren Mähdreschern, Maishäckslern oder Monstertreckern auf den benachbarten Feldern wummern, zum Glück nur an wenigen Tagen im Jahr. Ruhiger als auf dem Land und in Wohnsiedlungen lebt man heutzutage wirklich nur in der Stadt in irgendeiner Altbauwohnung in einer Nebenstraße. Holtgast ist eben überall da, wo es ländliche Wohnsiedlungen gibt.

# edit 15. Mai 2013: Es kam, wie es kommen musste: Ganz „Mutige“ schrieben schon mal Kommentare zu diesem Beitrag, zwar nicht mit Klarnamen, aber dazu umso pöbelhafter und beleidigender, sie fühlten sich wohl ertappt. Ist doch immer gut zu wissen, welch „nette“ Menschen hier so „umzu“ wohnen. Offensichtliche Borniertheit (um es dezent auszudrücken), gepaart mit Ignoranz und Rücksichtslosigkeit sind eben die Mischung, die das Zusammenleben auf relativ engem Raum zur Belastung werden lassen.

Und noch was: Ja, auch wir „Deppen“ mähen den Rasen, oder besser die Wiese, aber nicht in der Mittgagszeit und nicht am Samstag, weil wir wissen, dass der Lärm nicht an der Gartengrenze aufhört. Unser Rasenmäher klingt noch wie ein Rasenmäher und nicht wie ein Jagdflugzeug aus dem 2.Weltkrieg. Gänseblümchen, Löwenzahn und anderes „Unkraut“ dürfen übrigens auch wachsen.

6 Gedanken zu „Die Insel des Lärms…die sich den Wolf mähen

  1. Also wir wohnen seit 17 Jahren in holtgast und fühlen uns hier sehr wohl. Wir wohnen in einer Siedlung und trotzdem stören uns die Nachbarn und ihre Geräusche nicht im entfernten.

  2. Oh genau wie bei uns und wir wohnen nicht im Holtgast. Es müssen wohl leider überall Menschen wohnen die Krach machen müssen. Wir haben ein Exemplar mit zwei Aufsitzmähern, die liebend gerne beide in Betrieb laufen und das zeitgleich.
    Ohne Unterlass und mit einer Hingabe die nicht auszuhalten ist.
    Die Aufsitzmäher werden auch als Fortbewegungsmittel auf dem etwas größeren Grundstück benutzt, man fährt von Strauch zu Strauch wässert diese oder verteilt Dünger oder sonstige giftige Substanzen und wenn man nur einfach den Gartenschlauch in einen Maulwurfs-oder Mausgang hält.
    Das ganze erstreckt sich dann mindestens über 6-8 Stunden tägl. ab und an kommt es auch vor das einer laufend im Standby steht und der andere im Schneckentempo bewegt wird.

    Gestern dann der Hammer, ein anderer Übernnachbar mähte ab 16:30 am Sonntag mit Aufsitzmäher Schwiegervaters Rasen.
    Ich bin hin und ich denke der wird nie wieder an einem Sonntag Rasenmähen.
    Mir stellen sich allmählich die Nackenhaare hoch wenn ich höre das jemand diese Dinger anschmeisst und kann das oben geschriebene sehr gut nachvollziehen.

  3. ich habe das mal geteilt auf facebook. Falls das nicht gewünscht ist bitte kurz Info an meine Email, ich lösche das dann.

  4. Ha! Da schreibt mir einer aus der Seele. Wir haben auch so einen Idioten bei uns zu wohnen. Die Kreissäge steht gleich hinter der Hecke und wir jeden Sonnabend von 8 bis 20 Uhr benutzt. Jeden Samstag! Wir haben auch die Polizei gerufen und haben uns gesagt er darf das. Sogar bis 22 Uhr. Ich habe geheult, weil ich nicht mehr wusste wohin in unserem Haus. Die Polizei meinte am Sonntag muss aber Ruhe sein. DENKSTE. Um 11 Uhr wurde der Akkuschrauber angeschmissen und jede Schraube fein säuberlich festgezogen und überdreht. Achso auch gleich hinter der Hecke. Wieder kam die Polizei und hat sogar die Geräuschbelastung gemessen. Die Schrauben wurden nun ganz leise und ohne Überdrehen festgezogen. Daraufhin sage ten die Polizisten, der Wind wäre lauter als mein Nachbar. Und schließlich wolle der arme Mann doch fertig werden. Mir fehlten die Worte. Achso, der Nachbar hat ein Fitnesscenter und wahrscheinlich sind die Polizisten gute Kunden. Also, will sagen Sie haben mein vollstes Mitgefühl.

  5. Ja schade, dass ich diese Seite nicht vor Einzug gelesen habe. Dann wäre ich nicht nach Holtgast gezogen.
    Es gibt tatsächlich noch Bürger, die den ganzen Tag arbeiten und Steuern zahlen.
    Und dass dies weiterhin so bleibt sind auch deren Ruhezeiten für die Gesundheit enorm wichtig.
    Es wäre schön wenn auch wir, die den ganzen Tag nicht da sind, weil wir arbeiten müssen, abends und in unserem Urlaub etwas Ruhe genießen könnten.
    Die Welt besteht nicht nur aus Rasenmähen und Krach machen –
    Wenn ihr was wirklich Sinnvolles machen wollt dann tut etwas für unsere geschädigte Umwelt
    und Natur ….

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