Die Kandidaten: Jeder will Landrat werden – und wie sie vorgestellt wurden

Im Landkreis Wittmund wird es einen neuen Landrat geben. Der bisherige Landrat Matthias Köring, noch jung an Jahren, will sich verändern und in die sog. „freie Wirtschaft“ wechseln. Als Kandidaten für dieses Amt traten zunächst Holger Heymann (SPD, MdL) und der politisch bisher nicht in Erscheinung getretene Hendrik Schultz (CDU) an. Beide sind von Beruf Banker, ausgebildet bei der Oldenburgischen Landesbank (OLB). Heymann bringt politische Erfahrung mit, Schultz nicht; dafür war sein Vater Henning Schultz bereits Oberkreisdirektor und später Landrat des Landkreises Wittmund. Die Wahl soll am 11. September, am Tage der Kommunalwahl in Niedersachsen, stattfinden.Ende Juni warf ein dritter, bisher völlig unbekannter neuer Kandidat seinen Hut in den Ring: Erwin Braun, parteilos und vor allem Verwaltungsjurist. Er arbeitet derzeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Wilhelmshaven und wohnt im Emsland. Erwin Braun musste für die Zulassung zur Wahl zunächst dem Kreiswahlleiter mehr als 200 Unterstützer-Unterschriften vorlegen; mit Unterstützung einiger Windkraftgegner gelang das innerhalb von wenigen Tagen.

Die Kandidaten Heymann und Schultz können sich bei ihrer Wahlwerbung auf ihre jeweiligen Parteiapparate der SPD und CDU stützen, die die Plakate entwerfen, diese aufhängen oder Anzeigen schalten. Zusätzlich werden Flyer gedruckt und verteilt; diese Kandidaten haben also klar einen Werbevorteil. Heymann nutzt jede Inszenierung seiner Partei, wenn Minister X oder Y der SPD vor der Wahl den Landkreis besucht, um sich mit diesem ablichten zu lassen. Das ist Schmierentheater, diese Bühne täuscht nur politische Aktivität vor.

Die Vorstellung der Kandidaten in der Lokalzeitung „Anzeiger für Harlingerland“ begann parallel dazu; Überschrift zu Schultz: „´Landrat Schultz´: Das klingt vertraut“, zu Heymann: „Aus dem Leineschloss ins Kreishaus“, und zu Braun: „Ein Jurist gegen Windmühlenflügel“. Da konnte man schon ahnen, woher der Wind in der Vorstellung wehte. (siehe dieser Artikel vom 20. August 2016, .pdf: AZH_19Aug2016_Kandidaten).

Jürgen Lohs aus Moorweg und ich als dieser Seitenbetreiber haben es kommentiert:

Harlinger Landratskandidaten-Porträts vom 20.08.2016

von Jürgen Lohs, 21. August 2016

Daß der Anzeiger für Harlingerland Wahlkampf führt, ist zunächst eine Binse. Wer aber wissen will, wie er einen Text schnitzt und sich dazu einen Landrat knetet, kann’s im folgenden nachlesen. Daß der Chefredakteur Klaus-Dieter Heimann dabei seinen Lions-Bruder Hendrik Schultz auch gleich mit in den Regen stellen lässt, zeugt nicht nur vom flachen Anspruch journalistischer Ethik und der Qualität des redaktionellen Ehrencodex „Werte & Wahrheit“: abgewetzt & fadenscheinig. Wen dann noch interessiert, was Lions-Mitglieder einander und der Menschheit geloben, kann das hier nachlesen: Freiheit des Geistes und Weisheit des Handelns zum Wohlergehen der Gemeinschaft“.

Don Quichotte – Das häßliche Etikett

Sollte nicht, was die Landratskandidaten einander an Fairneß im Wahlkampf zusichern, auch für die Berichterstattung gelten? Das sollte es. Warum also wird Kandidat Erwin Braun vom Harlinger gleich eingangs bescheinigt, er kämpfe gegen Windmühlenflügel und so als Ritter von der traurigen Gestalt überschrieben, da jedermann weiß, dies war Cervantes‘ Figur des lächerlichen Schwärmers, dessen Tatendrang stets an den realen Gegebenheiten scheitert. Und daß dieser zudem noch als Jurist sich dem absurden Kampf hingibt, verdoppelt den Spott-Effekt gegen einen „Don Quichotte“. Weiterer Realitätsverlust wird dem Kandidaten dann mit der Behauptung zugeschrieben, Braun habe „der Windenergie den Kampf angesagt“, was ja nichts anderes bedeutet, als daß der Träumer wohl die Gesetze der Physik als Feind ausgemacht habe. Was soll das? Den Kandidaten schlagen und seine Anhänger treffen ?

Bei solcher Ambition wird selbst eine zunächst so harmlose Aussage, „der Jurist hat es sich in einem Café bequem gemacht“ zu dessen persönlicher Herabsetzung, wenn der Chronist sie ins Verhältnis setzt zum Kandidaten Heymann, dem hingegen nämlich „der Wind ins Gesicht peitscht“ und der deshalb – klischeebeflügelt – als „sturmfest und erdverwachsen“ sich preist und ergo so gepriesen wird.

Über den Kandidaten Heyman urteilt der Bericht vorgeblich objektiv und gesichert, der „kennt sich in der Kommunal- und Landespolitik bestens aus“, wohingegen dem Kandidaten Braun zugeschrieben wird, er beziehe seine Qualifikation lediglich aus einer persönlichen Selbsteinschätzung: „er sieht sich prädestiniert“ – und fällt somit seiner subjektiven Wahrnehmung und Fehleinschätzung zum Opfer. Während der Chronist mit den Kandidaten Schultz und Heymann deren Familienbild mit richtiger Ehefrau und Kindern herauspoliert – was immer das auch mit Landratsqualifikation zu tun hat! – ist ihm über Herrn Braun zu berichten wichtig, daß der nur über eine gerade angeheiratete „Partnerin“ verfügt, die in der Ukraine nun auf Familiennachzug wartet. Blitzt hier die ganz besondere Willkommenskultur durch? Und wer dann noch, wie Erwin Braun, arglos historische Windmühlen schön findet, muß sich alsdann nachsagen lassen „Der Kampf gegen Windmühlenflügel läßt ihn auch in der Freizeit nicht los“, was sowohl inhaltlicher Kurzschluß als auch sachlich falsch ist. Richtig ist, er positioniert sich rational und klar gegen Genehmigungsexzesse, politischen Betreiberfilz und Anwohnergefährdung – das ist das Gegenteil von Cervantes‘ Witzfigur, und es grenzt ihn von den anderen ab.

Kandidat Schultz aber kommt so viel besser auch nicht weg, dem immerhin schon mal zugebilligt wird, er „will mit Führungsstärke überzeugen“. Die Reichweite dieses Willens aber wird vom Berichterstatter umgehend relativiert, denn „er eifert seinem Vater nach“. „Eifern“ ist gemeinhin die schmunzelnd-spitze Umschreibung für das Fehlen jeglicher Professionalität und bedeutet: mit Freude wollen, aber nicht können. Die Doppelung „dem Vater nacheifern“ setzt dem die fehlende persönliche Reife noch drauf und verstärkt auch hier den Spott-Effekt. Zudem wird noch berichtet, Schultzens Arbeitsweg könne sich verkürzen, Bäume und Häuser stehen in seiner Sichtachse; Heymann geht gern in B’siel spazieren und trägt zum Porträt eine gelbe Regenjacke mit Kapuze; Braun schaltet im sog. „Grünen“ gern alle Kommunikationsmittel ab, um zu entspannen…

Wäre es denn nicht vornehme Aufgabe einer Lokalzeitung, zum Beispiel im Vorfeld einer solchen Wahl mal ein Qualifikationsprofil eines Landratsamts zu entwickeln, anhand bisheriger Personen und Leistungen, von deren bisherigen Erfolgen und Mißerfolgen, anhand der gesetzlichen Vorgaben, der Erwartungen der Einwohner, der Darstellung von dessen Handlungsrahmen und Betriebsstruktur, wem ist er rechenschaftspflichtig, wen muß und wen darf er kontrollieren, was kann er delegieren, welche aktuellen Aufgaben warten auf ihn, welche Grenzen sind ihm dabei auferlegt, welche Spielräume gegeben etc.?

Daran ließe sich dann vielleicht ein Kandidat messen und auf solche home-stories verzichten.

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Kommentar zur Berichterstattung im „Anzeiger für Harlingerland“ vom 20. August 2016

von Manfred Knake

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Das gilt auch für eine Landratswahl. Der „Platzhirsch“ heißt Holger Heymann, Politprofi der SPD. Sein „Rivale“ kommt aus der CDU und ist bisher nicht politisch in Erscheinung getreten; einziger Platzvorteil: Er ist Papas Sohn. Der „dritte Mann“ ist Erwin Braun, parteilos, mit dem großen Vorteil, dass er Volljurist ist, eine gute Voraussetzung für das Amt. Der „Anzeiger für Harlingerland“ hat die Kandidaten vorgestellt. Das „Wie“ hat mir nicht gefallen!

1) „´Landrat Schultz´: Das klingt vertraut“

Diese Überschrift könnte von einem Wahlplakat stammen. Zurück zu den feudalen Erbtiteln etwa? Man hätte ja auch noch erwähnen können, dass Herr Schultz (CDU)
Prokurist der OLB, der „Hausbank“ von Enercon, ist und Kommanditist im
Windpark Eggelingen. Kandidat Heymann kommt ebenfalls aus der OLB.
Diese Hinweise hätten die Wahlchancen sicher erhöht…

2) Kandidat Holger Heymann (SPD): „Aus dem Leineschloss ins Kreishaus“

Ja, der SPD-Prinz kommt aus dem Schloss nach Hause in die heimatlichen
Gefilde, er ist ja „erdverwachsen“, und fleißig ist er auch noch: 60
bis 70 Stunden arbeitet er pro Woche. Das kommt davon, wenn man sich
in den Landtag wählen lässt und dazu auch noch ämterhäufend
heimatliche Mandate über Kreistag, Samtgemeinderat und
Ortsbürgermeister wahrnimmt. Das war doch absehbar, da kann man sogar
die Übersicht verlieren. Nebenbei: Er wird ja dafür auch fürstlich aus
dem Steuersäckel bezahlt. Und, wer hätte das gedacht “Er setzt gerne
per Fähre nach Langeoog und Spiekeroog über. Egal bei welchem Wetter“.
Ein echter Seeheld ist unser heimatlicher Holger, wie weiland der
britische Captain Horatio Hornblower, der nahm auch lieber das Schiff
statt zu schwimmen. Zu Hause im Samtgemeinderat von
Holtriem/Westerholt und im Ortsrat von Neuschoo hat der unerschrockene
Fähren-Seefahrer H.H. die Abstimmungsmarionette für die bekannten
„Windbarone“ aus „seiner“ heimatlichen Samtgemeinde Holtriem gemacht.
Holger Heimann hat viele seiner ehemaligen Wähler hinters Renditelicht
für einige seiner Ratskollegen geführt, die an diesen Windkraftanlagen
als Kommanditisten mitverdienen, für deren F-Pläne sie vorher mit
abgestimmt hatten. Holger Heymann blieb stumm, als sein
Landtagskollege Dr. Gero Hocker (FDP) am 08.06.2016 im Landtag auf die
unsäglichen Verflechtungen der Kommunalpolitik mit der
Windenergiewirtschaft im Nordwesten Deutschlands (das ist hier!)
hinwies:

3) Und nun zum „unbelasteten“ Kandidaten Braun (parteilos):

Ein Jurist gegen Windmühlenflügel“

Also Don Quichotte? Der war bekanntlich bekloppt und sah in den Mühlen
Ritter, die er bekämpfen musste… „Erwin Braun hat der Windenergie
den Kampf angesagt“ (?). Hat er doch so gar nicht. Das hat er gesagt:
„Ausbau der erneuerbaren Energie nicht um jeden Preis“, „bezahlbare
Energiepreise“ das ist ein Unterschied. Er hat sich in Vorträgen auch
deutlich gegen die Auswüchse und Verfilzungen geäußert, und das haben
die beiden anderen Kandidaten nur teilweise von ihm abgeguckt und
wollen nun ebenfalls mit der Windenergie im Landkreis kürzer treten.
Herr Braun wirkt doch schon, ganz ohne Amt. Nur Herr Schultz will aber
weiter repowern, geht es da etwa um die höhere Rendite?
Herr Braun hat sich als Fachmann u.a. deutlich zur medizinischen
Versorgung im Landkreis geäußert, für mehr Transparenz im Landkreis
und einen besseren Bürgerservice, ganz ohne Sprechblasen.

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